Gottesbegegnung

Text und Bild | Ulrike Kampelmann
Wo ist mir Gott in diesem Jahr begegnet? In Menschen und in der Natur. In Momenten, in denen der Alltag sich unerwartet für einen Augenblick öffnete. Und von einer Begegnung im Herbst möchte ich erzählen.
Wenn ich zum Schwimmbad fahre, passiere ich ein Haus, das wirkt wie eines von vielen – ein blassgelber Bau mit schlichter Fassade und einem spitzen Dach, das sich ohne Eleganz gegen den Himmel reckt. Doch der Vorgarten lud im Herbst dazu ein, zweimal hinzusehen. Denn über den Zaun hinweg drängten sich kräftige Cosmeen in leuchtenden Rosatönen. Und wenn Du Jahr für Jahr versucht hast, Cosmeen in Deinem Garten zu ziehen, wenn Du sie erst hoffnungsvoll in Deinem Wohnzimmer ausgesät hast, sie dann vereinzelt und ausgepflanzt hast, sie gegen Schnecken verteidigt hast und wenn Du ihren mickrigen Wuchs durch Düngung zu verbessern versucht hast, und wenn Du Dich dann über ein paar kleine Blüten gefreut hast, dann konntest Du bei Deinem zweiten Blick nur staunen: Die Cosmeen wuchsen mit kräftigen Stielen aus den kleinsten Ritzen zwischen den Pflastersteinen. Und doch übertrafen sie an Blüten und Farben all das, was mein Garten an verschiedensten Stellen im Beet und in Töpfen je hervorgebracht hat.
Eines Abends habe ich an der Haustür geschellt
Und weil ich ein neugieriger, nein wissbegieriger Mensch bin, habe ich eines Abends an der Haustür geschellt. Ich kam vom Schwimmen, ungefönt, die nassen Haare schauten bestimmt noch ein bisschen wirr unter der Mütze hervor. Ich hatte mich nicht bemüht, den Fahrradhelm abzunehmen. Es dämmerte schon und eigentlich wollte ich schnell nach Hause. Wenn sich der ältere Herr, der die Tür öffnete, über die seltsame Gestalt, die ich bestimmt abgab, wunderte, ließ er es mich nicht merken. Freundlich lud er mich ein, den Garten zu betreten, dort sei seine Frau, die könne mir bestimmt weiterhelfen.
Eine Dame im besten Alter, ihren Namen habe ich nicht erfragt, aber ich könnte mir Daria gut vorstellen, nahm mich sogleich herzlich, nein überaus herzlich in Empfang. Sie konnte mir das Wunder der Cosmeen nicht erklären: „Sie kommen einfach so, von alleine. Mein Mann will sie sogar wegmachen, aber ich habe es ihm verboten!“ Und dann zeigte sie mir voller Stolz ihren ganzen Garten. Zu jeder Pflanze, zu jeder Blume und jedem Baum wusste sie eine Geschichte. Sonnenblumen gezogen aus Samen vom Markt, die eine Pflanze aus ihrer Heimat in Kroatien mitgebracht, die andere aus einem Ableger von einem lieben Menschen gezogen. Sie erzählte, wie sie die Rosen versetzt hatte. Ein Gärtner hätte ihr davon dringendst abgeraten, die Pflanzen würden eingehen oder nicht mehr blühen, aber sie hatte an sie geglaubt und fast trotzig präsentierten die Rosen sich in ihrer Pracht zum Stolz ihrer Besitzerin. Zwischen den Blumen wuchsen Tomaten, eine „Unkonventionalität“, die ich sehr sympathisch fand. Ich erfuhr, wie schon die Mutter der Dame in Kroatien Tomaten gepflanzt hatte, wie die Samen gewonnen worden waren und, und, und. Die Freude der Frau über ihren Garten und die Pflanzen, ihre Offenheit und Herzlichkeit, all das war zwischen uns, über uns und um uns herum.
Als wir uns nach einer ausgiebigen Gartenführung verabschiedeten, mittlerweile war es dunkel, lud sie mich ein, mich von ihrer Fülle beschenken zu lassen. „Sie können sich gerne Samen holen!“, sagte sie. „Sie brauchen nicht klingeln. Gehen Sie einfach in den Garten und bedienen Sie sich!“ Beseelt fuhr ich nach Hause.
Die Liebe Gottes
Ich ahne nun das Geheimnis der Cosmeen, Sonnenblumen und Rosen. Es ist nicht ein besonders fruchtbarer Boden, in dem sie gedeihen oder eine besonders aufwendige Pflege. Es ist die Liebe und Freude ihrer Behüterin, durch die sie sich entfalten können und in ihr die Liebe Gottes.
Gerne habe ich das Angebot angenommen und ein paar Cosmeensamen geholt, als der Herbst sie reichlich hervorbrachte. Großzügigkeit bei den Pflanzen wie bei der Dame, die mit ganzem Herzen hütet, was ihr anvertraut ist. Aber besonders beschenkt habe ich mich durch diese Begegnung gefühlt. Ich komme oft an dem Haus vorbei, wenn ich zum Schwimmen fahre. Aber nun ist es nicht mehr dasselbe. Denn nun denke ich dabei an seine Bewohnerin, an die Geschichten, die sie mir erzählt hat, an ihre Liebe und Begeisterung für die Pflanzen in ihrem Garten und die Menschen, die sich dafür interessieren. Sie lässt nicht nur Pflanzen wachsen, sondern auch Vertrauen und Freude. Sie schenkte davon großzügig, ohne mich zu kennen. Ich denke, so wächst der Segen Gottes. Im Kleinen, aber kraftvoll, wie die Cosmeen, die aus den schmalen Ritzen zwischen den Pflastersteinen unbeirrbar hervorwachsen. Und jedesmal, wenn ich nun dort vorbeifahre, spüre ich wieder ein Stück von diesem Glück.