7. Dezember 2025

Wofür wir auf die Straße gehen

In unserem Schwarzwalddorf gibt es bestimmte Anlässe, zu denen Kinder auf die Straße gehen:

  • Bald gehen die Kinder zu Dreikönig wieder von Haus zu Haus, verkleidet als Menschen, die das Eigene überschreiten und im Anderen ihr Glück finden – Aufbrechen und nicht bei sich bleiben, das Glück gerade im schwachen ausgesetzten Leben am Rand finden. Sie tragen dieses Glück mit dem an die Tür geschriebenen „C+M+B“ als Segen ins Dorf. Und sie sammeln Spenden nicht für sich, sondern für andere.
  • Eine Besonderheit ist das Osterschwämmetragen: Baumschwämme – harte, oft an Totholz wachsende Pilze – werden getrocknet und auf Drähte aufgezogen. Am Ostersonntag werden sie am Osterfeuer entzündet. Kinder tragen die glühenden Schwämme zu den Häusern, wo man sich etwas Glut abschneidet und damit das ab Karfreitag erloschene Herdfeuer wieder entzündet. Traditionell ist das Herdfeuer das Herz des Bauernhofs, es spendet Wärme, gekochte Mahlzeiten, man kann an ihm Licht entzünden, an ihm sammelt sich die Familie. Das Osterwunder wird erfahrbar: Gott kann überraschend Totes lebendig machen.
  • Natürlich gibt es auch St. Martin: Ein Mensch sieht die Not eines anderen, er wird aktiv und teilt, lindert die Not.
  • Ganz anders die jüngste Tradition: Halloween sind die Straßen geschmückt mit Kürbis-Fratzen und beängstigenden Gerippen. Die Kinder klingeln und sammeln aggressiv-spaßig drohend (trick or treat – „Streich oder Leckerbissen“, dt. „Süßes oder Saures“) Beute in die eigenen Taschen.

Gerade dieser Halloween-Kontrast macht mir den Schatz christlicher Tradition umso wertvoller: Es geht uns nicht allein um uns selbst. Wir schauen über den eigenen Horizont hinaus. Wir drohen nicht, sondern sprechen zu. Wir ängstigen nicht, sondern segnen. Wir sammeln nicht in die eigene Tasche, sondern für andere. Wir erinnern daran, dass ein anderes Leben möglich ist. Wir geben die Hoffnung nicht auf – und Gott gibt der Hoffnung recht.

Dafür gehen wir auf die Straße, jeden Tag.

Dr. Detlef Lienau, Pfarrer, Leiter der Evang. Erwachsenenbildung Freiburg www.erwachsenenbildung-freiburg.de,

Initiator des Netzwerks christliche Naturspiritualität www.geerdetglauben.de,

Pilgerbeauftragter der Badischen Landeskirche.

Aktuell publiziert: Geerdet glauben. Christliche Naturspiritualität, 2025